Klopfen, Kitzeln, Grabbeln de

Überlegungen zur Berührung von Pferden

Gestern habe ich mit meinem Freund eine TV-Folge über den ostfriesischen “Knochenbrecher” Tamme Hanken gesehen. Wie man es von diesem kennt, herzte und klopfte er seinen geliebten Boulonnais Hengst derbe und erklärte dann, dass Pferde es nicht leiden könnten, wenn man sie zu zaghaft anfasse. Da müsse man richtig zupacken und feste klopfen. Mein Freund, der mit Pferden nicht viel zu tun hat fragte mich darauf verwundert: Stimmt das? 

Nun war ich in Erklärungsnot und musste mir einmal mehr Gedanken darüber machen, wie man (s)ein Pferd denn nun am besten anzufassen hat. Wie nehmen Pferde wohl unsere für sie ungewöhnlichen Berührungen mit den Händen wahr? Soll man klopfen? Oder nun doch eher nicht? Gewöhnt sich das Pferd an unsere Art zu belohnen?

Meine Gedanken dazu, möchte ich gerne mit euch teilen.

Von Schmerz und Wohltat

Wie man ein Pferd am besten belohnt, wie man es am besten berührt und mit ihm umgeht, daran scheiden sich die Geister. Lernt man in der klassischen Reitstunde oft noch auf Kommando “richtig feste” zu klopfen, sprechen sich andere dafür aus, dass diese Art der Belohnung für das Pferd unverständlich und unangenehm sei. Wieder andere, argumentieren mit der Robustheit der Pferde auch in ihrem natürlichen Umgang miteinander.

Fakt ist, dass wir wohl nie endgültig wissen können, was genau in unseren Pferde vorgeht. Fakt ist aber auch, dass wir uns dennoch entscheiden müssen, wie wir mit ihnen umgehen wollen. Ein bisschen Spekulation sollte also erlaubt sein.

Klopfen vs. Schlagen

Eines der Hauptargumente gegen das Klopfen auf den Hals oder andere Körperstellen, ist die Ähnlichkeit zu einem Schlag, den jedes Lebewesen wohl eher als Strafe und unangenehm empfindet. Betrachtet man das  Klopfen oberflächlich, erscheint dieser Vergleich durchaus sinnvoll, ist die Geste doch in beiden Fällen von einer ausholenden Bewegung und einem mehr oder minder festen, aber plötzlichen Aufkommen der Hand auf den Pferdekörper begleitet. Dennoch kenne ich kaum Pferde, die auf ein lobendes Klopfen – auch wenn es heftig ausfällt – ausweichend reagieren, jedoch viele, die schon bei einer unachtsam schnellen Handbewegung zusammen zucken. Das Pferd scheint also durchaus zwischen einer aggressiven, hektischen Handlung und einer wohlgemeinten Geste unterscheiden zu können. Bleibt jedoch die Frage: Gefällt diese ihm auch?

Konditionierung und Körpergefühl

Jeder der schon einmal mit Pferden zu tun hatte weiß: Pferde sind nicht dumm. Besonders auf der emotionalen Beziehungsebene, scheinen sie uns sogar voraus zu sein und die winzigsten Unpässlichkeiten und Stimmungen in uns wahrzunehmen, von denen wir vielleicht selbst noch gar nichts wissen. Schaut man sich die (höchst) Leistungen von Pferden in Sport und Show an stellt man schnell fest, dass sie auf dieser Basis auch durchaus lernfähig sind. Es ist also denkbar, dass Pferde tatsächlich auf das Klopfen, als eine positive Geste des Lobes konditioniert wurden und diese Berührung so auch positiv auffassen.

Dennoch behalte ich Zweifel, ob Klopfen wirklich die Rechte Wahl im Umgang mit dem Pferd sein soll. Auch wenn das Pferd gelernt hat den “Klaps” als positiv zu interpretieren, muss doch ein Körpergefühl bleiben, welches durch die kräftige, plötzliche Berührung entsteht. Wer schon mal einen freundschaftlichen Schlag auf den Hinterkopf bekommen hat, oder zum Spaß angerempelt wurde, weiß aus eigener Erfahrung wie positiv er es möglicherweise aufgefasst hat – ein bisschen unangenehm war es vermutlich trotzdem. Solche Berührungen beeinträchtigen zwar nicht das soziale Gefüge, erscheinen uns aber letztlich auch nicht besonders angenehm, als dass sie als Lob eingesetzt funktionieren und ein positives Verhalten stärken würden. Mit Freunden zu rangeln kann Spaß machen, von den Eltern aber einen (wenn auch leichten) Klaps für gemachte Hausaufgaben zu bekommen, erscheint doch eher abwegig.

Warum sollte es Pferden also anders gehen?

Robustes Pferd / Sensibles Pferd

Sicherlich sind Pferde “härter im Nehmen” als wir Menschen. Fest steht aber auch, dass Sie mehr noch als wir die kleinste Fliege auf der Haut spüren und sie mit einem gezielten Zucken vertreiben können. – Ein klassisches Argument gegen das Klopfen.

Pferde sind Fluchttiere und sicherlich letztlich trotz Domestizierung instinktgesteuerter als der moderne Mensch. Ihr Überleben hängt davon ab “Wehwehchen” wegzustecken und weiter zu machen, weiter zu laufen, weiter zu funktionieren. Dazu sind sie groß und kräftig. Mit Sicherheit KÖNNEN sie also mehr Einwirkung verkraften als wir Menschen. Aber SOLLTEN sie das deswegen auch? Macht es ihnen deswegen weniger aus?

Klopfen als ungeeignetes Lob

Ich persönlich komme zu dem Schluss, dass ich Klopfen als Lob für ungeeignet halte. Neben der psychologischen Frage, wie viel Lob im Pferdehirn überhaupt durch eine Berührung – ob zart oder hart – hervorgerufen werden kann, denke ich, dass Klopfen zwar als Belohnung antrainiert werden kann, eine einfühlsamere Geste jedoch ihren Zweck stest mehr erfüllen muss. Ob oder wie stark das Klopfen möglicherweise schadet, vermag ich nicht zu beurteilen. Ein Argument FÜR das Klopfen fällt mir allerdings beim besten Willen nicht ein.

Ich gebe Tamme Recht: mit spitzen Fingern zaghaft gekitzelt zu werden gefällt sicherlich kaum einem Pferd, feste, direkte Berührungen, sorgen für weniger Kitzelfaktor und sind den Pferden aus dem gegenseitigen Schmusen und der Fellpflege mit kräftigen Lippen und Zähnen bekannt. Pferde müssen sicher nicht wie ein seltener Vogel mit Samthandschuhen angefasst werden. Kräftige Muskel-Knochen Strukturen vertragen auch nachdrückliche Berührungen oder kräftige Massagen. Einer PLÖTZLICHEN festen Berührung, vermag ich – auch aus der Sicht eines Pferdes, so gut ich diese einnehmen kann – allerdings nichts positives abzugewinnen.

Mein Fazit

Als energiereicher Mensch, der es zudem auch noch “gelernt” hat, Pferde zu klopfen, wird es mir sicherlich schwer fallen, mein Verhalten (zum Beispiel zu einem massierenden Streicheln) umzustellen. Ich glaube auch nicht, dass irgendein Pferd an sanftem, tätschelnden Klopfen Schaden nimmt und halte es sogar für möglich, dass die positive Intention der Geste – ähnlich wie bei einem Geschenk, was von Herzen kommt, auch wenn es nicht gefällt- verstanden wird. Ein echtes positives Gefühl – vermute ich – löst das Klopfen aber wohl nicht aus.

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